2. Juli 2019

„Wir bestellen eine Stadt“ – die crenet-Jahreskonferenz 2019 im Zeichen der Urbanität

„1950 war New York die einzige Megacity mit mehr als zehn Millionen Einwohnern – heute sind es bereits 37, und 2030 erwartet die UN schon 47 Megacities. Auch, wenn keine davon in Deutschland liegt, müssen wir den Blick über den Tellerrand wagen.“ Mit dieser Betrachtung eröffnete Hendrik Staiger, Vorstand der BEOS AG und Vorstandsvorsitzender des crenet Deutschland e.V., die crenet-Jahreskonferenz 2019 in der Evangelischen Akademie Frankfurt am Main. Im Fokus stand dieses Jahr die Frage: Urbanisierung 4.0 – was kommt auf uns zu? Wie umfangreich das Thema ist, umriss Staiger während seiner Begrüßung. Es reiche von neuen Bürowelten und der Clusterbildung von Unternehmen in den Metropolen bis hin zur urbanen Logistik, die auch künftig einen effizienten Warenverkehr in den Städten gewährleisten kann.

Prof. Chirine Etezadzadeh, Institutsleiterin des Stuttgarter SmartCity.institute, ging in ihrem einleitenden Impulsvortrag auf die Frage ein, wie „smart“ unsere Städte werden sollten, und was dafür nötig ist. Das Konzept der „Smart City“ kann dabei helfen, die Lebensqualität in unseren Städten zu verbessern, gerade in den Bereichen Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität. Daher müssten sich auch die deutschen Städte detailliert und intensiv mit den Möglichkeiten befassen, eine nachhaltige und sichere Verbindung zwischen Menschen, Prozessen, Geräten und Informationen herzustellen. Es ginge darum, eine Stadt zu schaffen, die ein gutes Zusammenleben aller Bewohner fördert. Die Digitalisierung sei hierbei nur der „Enabler“. Die Vision ist, Immobilien- oder Infrastrukturprodukte nicht mehr losgelöst voneinander zu entwickeln, sondern Städte „wie auf Bestellung“ gleich ganzheitlich so zu konzipieren, dass die wichtigen Prozesse voll und ganz ineinandergreifen.

Wie bei jeder crenet-Veranstaltung stand auch beim Jahrestreffen 2019 das Ziel im Mittelpunkt, eine gemeinsame Plattform für Konzerne, Mittelständler und die Immobilienbranche zu schaffen. Entsprechend bunt gemischt war die Liste der Redner, die sowohl Unternehmensvertreter von Bosch und der Telekom als auch das Architekturbüro AS+P sowie Immobilienspezialisten von Art-Invest Real Estate bis hin zu Entscheidern der Stadtwerke Köln GmbH und von e2GO umfasste. Die Themen reichten dabei von der Renaissance der Werkswohnung als wichtiges Betriebsmittel bis hin zum Innovationsmanagement für die Industrie 4.0, bei dem es unter anderem darum geht, wegweisende Digitaltrends zu identifizieren, ohne sich von Buzzwords und Hypes – oder deren Ausbleiben – abhängig zu machen.

Was müssen Städte künftig leisten? Hendrik Staiger warf in seiner Eröffnungsrede ein Schlaglicht auf kommende Herausforderungen und leitete einen Tag mit regen Diskussionen ein

Nachdem sich die rund 80 Teilnehmer beim Mittagessen gestärkt und die Gelegenheit zum Netzwerken ausgiebig genutzt hatten, erläuterte Dirk Rahn, Vorstand der Logistik-Initiative Hamburg, was die City-Logistik in unseren Metropolen mit dem Wilden Westen gemeinsam hat: Aktuell gebe es zahlreiche Individuallösungen und keine verkehrstechnische Regulierung, was letztlich zu ineffizienten Prozessen und verstopften Straßen führe. Zielführender sei, wenn sich einerseits die Logistikdienstleister untereinander absprechen und Kooperationen eingehen – und andererseits die Städte die Infrastruktur und ein Regelwerk für die Letzte Meile schaffen.

Anschließend stand eine Expertenrunde auf dem Programm: Gemeinsam mit Moderator Christof Hardebusch, Chefredakteur des Immobilien Managers, diskutierten Stephan Gubi von der BEOS AG, Manuela Matz, Dezernentin der Stadt Mainz, Klaus Kirchberger von der OFB Projektentwicklung GmbH sowie Jürgen Häpp von der AS+P Albert Speer + Partner GmbH und Maria-Theresia Jais von der OSRAM GmbH. Im Fokus stand die Frage, wie sich trotz der knappen Flächen in den deutschen Metropolen innovative Neubauansätze realisieren lassen, die die Anforderungen an Digitalität und Urbanität nachhaltig erfüllen. Wichtig für Immobilienunternehmen sei, auch in Zeiten des Nachfragedrucks neue und vor allem flexible Flächenkonzepte zu realisieren, die sich bei wechselndem Bedarf anpassen lassen – was aktuell jedoch nicht immer der Fall sei. Denn mittlerweile ziehen immer mehr Unternehmen mit innovativen Geschäftsbereichen in die Metropolen: Sie reagieren darauf, dass junge, gut ausgebildete Nachwuchskräfte von den Ballungsräumen angezogen werden. Mit einer 08/15-Büroimmobilie sei es dabei allerdings nicht getan, die Ansprüche der Young Professionals seien deutlich höher. Das Zauberwort hier: Urbane Quartiere, die neben einem modernen Arbeitsumfeld wichtige soziale Funktionen wie Wohnen, Freizeit, Kultur und Sport bieten. Entscheidend sei dabei, dass die Immobilien trotz ihrer Heterogenität und ihrer gewachsenen Strukturen wie aus einem Guss wirken. Ganz so, wie es den Panelteilnehmern zufolge im Kölner Carlswerk oder in der Alten Waggonfabrik in Mainz sei.

„Ein aufregender Tag. Wir haben heute gesehen, dass wir uns intensiv mit der Stadt der Zukunft auseinandersetzen müssen – obwohl unsere Städte aktuell ja eigentlich ziemlich gut funktionieren“, resümierte Staiger am Ende der Konferenz. „Die zahlreichen Beispiele aus Deutschland und der ganzen Welt, die die Redner präsentiert und analysiert haben, sind ideale Gedankenanstöße. Durch sie erhalten alle Akteure die Möglichkeit, ihre eigenen Ansätze auch interdisziplinär weiterzuentwickeln. Denn die heutige Konferenz hat zweifelsfrei gezeigt, wie viel Potenzial in den Bereichen Stadtplanung und Urbanität noch vorhanden ist.“